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©2005-18 ehem. Klasse 9 - VS Eckersdorf

Nicht Deutsche, nicht Russen

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Nicht Russen und nicht Deutsche
Integrationsprobleme der Spätaussiedler

Autoren : Isabella Hacker und Claudia Pils

Die 90jährige Hilda Dukmann lebt im Baden-Württembergischen Lahr, zusammen mit rund 9000 Spätaussiedlern aus den ehemaligen Sowjetstaaten. Nach dem Abzug der kanadischen Nato-Streitkräfte Mitte der 90er Jahre siedelten sich hier Russlanddeutsche an. Und mit ihnen kamen die Probleme: Die Zahl der Gewaltdelikte verdoppelte sich, allein im vergangenen Jahr kam es zu einem Totschlag und zwei Morden. Eine Schießerei auf dem Lahrer Marktplatz endete mit einem weiteren Toten. Die Polizei reagierte: Zum Schutz der Bevölkerung kamen 57 zusätzliche Beamte nach Lahr. Wir begleiten Joachim Ohnemus und Martin Himmelsbach bei ihrer nächtlichen Streife. Sie fahren bekannte Treffpunkte der russlanddeutschen Jugendlichen an. Was diese Fahrten bezwecken sollen erklärt Polizeihauptkommisar Joachim Ohnemus:

“Da geht es in erster Linie um solche Brennpunkte auch, also Kriminalitätsbekämpfung, Prävention, einfach Präsenz zeigen, auch mit den Personen in Kontakt treten, mit ihnen Gespräche führen und auch ein bisschen Kontakt zu denen herzustellen.”

Mehrmals in dieser Nacht treffen die Beamten auf Jugendliche, überprüfen die Papiere, bauen einen starken Kontrolldruck auf und wollen dadurch mögliche Straftaten verhindern.

Frage der Polizisten: “Tja, die nächste Frage stellt sich: Was machen Sie hier überhaupt?”

Antwort der Jugendlichen: “Ja, das ist hier unser Treffpunkt. Wir treffen uns hier jeden Abend.”

Frage: “Jeden Abend? Warum nicht im Lokal? Weil es so gemütlich hier ist?”

Antwort: “Ja, wir stehen hier schon seit ein paar Jahren und das hat schon Tradition.”

Eine Tradition, die jeden Integrationsgedanken zunichte macht. Die oft arbeitslosen jugendlichen Aussiedler haben kein Geld, um in Kneipen zu gehen, fühlen sich dort oft unerwünscht und bleiben lieber unter sich. Der Kontakt zu den Einheimischen beschränkt sich auf die Kontrollen der Polizei. Am nächsten Morgen im Viertel am Kanadaring: Hier kümmert sich Hilda Beck um die Probleme der Spätaussiedler. Die Aussiedlerlotsin selbst kommt aus Kasachstan und arbeitet als Sozialarbeiterin in der Siedlung, die die Einheimischen als Ghetto bezeichnen. Im Bürgerzentrum hilft sie den Neuankömmlingen sich zurechtzufinden. Sie sagt:

“Jedes Jahr steigt die Zahl von den Menschen, die zu mir kommen. Das ist ein Zeichen dafür, wie lange der Prozess dauert. Und zweitens, dass die Menschen mehr Mut haben und sie gehen, sie informieren sich. Und ich glaube, Integrationsprozess wird auch doch eine Generation dauern.”

Ortswechsel: Ingolstadt. Im Piusviertel mit dem Übergangswohnheim und den Sozialbauten leben überwiegend Spätaussiedler. Der Umzug nach Deutschland ist gerade für die heranwachsenden Jugendlichen ein Bruch in der Entwicklung. Sie sprechen oft nur Russisch und wissen nicht, was sie hier erwartet. Der 15jährige Eugen und sein Freund Walter mussten mit elf Jahren ihre Heimat Kasachstan verlassen. Eugen Bombach erzählt:

“Am Anfang war schon so schwierig, weil ich noch kein Deutsch konnte und ja so keine Freunde gehabt habe und ja, so einsam so ein bisschen hab ich mich gefühlt.”

Die geringen Sprachkenntnisse und Isolation machen eine Integration unmöglich. Probleme, die Aussiedlerpfarrer Helmut Küstenmacher tagtäglich begegnen:

“Schwierig ist es, die Jugendlichen, die in der Pubertät kommen, die zum Vater gesagt haben: Du kannst nach Deutschland gehen, ich will nicht nach Deutschland, ich habe hier meine Freunde, ich will hier in Sibirien oder Kasachstan bleiben und sie kommen dann widerwillig und für die ist es oft schwer. Und wenn sie dann auch noch Schwierigkeiten in der Schule haben oder keine Lehrstelle bekommen, dann muss man verstehen, dass der eine oder andere auf die schiefe Bahn kommt.”

Die Jugendlichen weg von der Straße holen? Das funktioniert mit Breakdance, einem Projekt vom Gesundheitsamt. Doch eine wirkliche Integration findet nicht statt, die Jugendlichen bleiben unter sich, Deutsch reden sie nicht miteinander. Der dort arbeitende Sozialarbeiter Johannes Hörner erklärt dies so:

“Hier kommen sie hierher und denken, sie sind Deutsche und sind unter Deutschen und jetzt sind sie auf einmal Russen und das ist schon eine gewisse Schwierigkeit für die und dann versuchen sie natürlich zusammenzuhalten. Wenn schon niemand mit uns redet oder was mit uns zu tun haben will, dann werden wir selber schauen, wie wir zurechtkommen.”

So bilden sich Cliquen, die auch für die Sozialarbeiter nur schwer zugänglich sind. Nicht selten kommt es deshalb zu Gewalt und Drogenmissbrauch, bestätigt eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover. Prof. Christian Pfeiffer von jenem Institut erklärt:

“Wer hier ankommt und sich von vornherein auf der Verliererseite findet und frustriert erleben muss, dass andere sich scheinbar finanziell alles leisten können, wenn der dann nicht einen Hoffnungsschimmer irgendwo in den Augen hat und sichtbar erkennen kann, dass er gute Chancen hat, auf die Beine zu kommen, wer das nicht sieht, der verbündet sich mit anderen, die genauso frustriert sind wie er und holt sich das, was er sich finanziell nicht leisten kann illegal, durch Erpressung, durch Überfälle, durch Abziehen, wie man das so unter Jugendlichen sagt.”

Cloppenburg in Niedersachsen, hier funktioniert die Integration. Nach einer Umfrage unter den russlanddeutschen Jugendlichen hat die Stadt ein Boxprojekt gestartet. Dreimal die Woche treffen hier Einheimische und Spätaussiedler aufeinander. Norbert Schilmöller vom Sozialamt in Cloppenburg, sagt:

“Die Jungs und die Mädchen, die hier beim Training sind, mit denen werden wir keine Probleme, was Gewalt angeht, haben. Weil sie haben einen Kanal gefunden, sie haben eine Möglichkeit gefunden das zu kanalisieren. Und es geht hier sehr diszipliniert zu, d.h. also auch bei einem Wettkampf, wenn der Ringrichter sagt: Aus oder Schluss, dann ist sofort Schluss.”

Box-Schüler Philipp Ahlers erzählt:

“Mein bester Freund ist auch mal mit hierhin gekommen, als ich hierhin gegangen bin. Und wir sind jetzt seit knapp drei Jahren hier. Und ich meine, es ist eigentlich alles super und so und wir verstehen uns super gut mit denen und wir würden uns freuen, wenn auch andere einheimische Jungs hierher kommen würden.”

Integration funktioniert nur dann, wenn die Projekte den Bedürfnissen der Jugendlichen entsprechen und beide Seiten aufeinander zugehen, nur so kann Deutschland die Heimat der Aussiedler werden. (Quelle: Nelly Däs)


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