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©2005-18 ehem. Klasse 9 - VS Eckersdorf

Geschichte(n)

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Als Geschenk für unsere Webseite eine Original-Geschichte von Nelly Däs

Homepage: www.nellydaes.de

Ein kleines Eckchen in meinem Herzen.

Für den morgigen ereignisreichen Tag wollte ich fit sei, deshalb ging ich mit einer Schlaftablette früh zu Bett. Ich hatte auch Glück und verbrachte eine traumlose Nacht.

54 Jahren waren seit unserer Trennung vergangen, für mich war es unfaßbar, daß ich nun meine Cousine Brigitte wiedersehen sollte. Sie war inzwischen vierfache Mutter und achtfache Großmutter. Ich hatte zwei Kinder und vier Enkel. Beide waren wir alt geworden, hatten jedoch die Hoffnung auf ein Wiedersehen nie aufgegeben.

Heute war es soweit: mein Mann und ich fuhren nach Frankfurt auf den Flugplatz, um meine Cousine mit ihrem Mann zu begrüßen. Ich war auf der Fahrt sehr schweigsam, in meinem Kopf ging es zu wie in einem Kreisel, er drehte sich um unser Dorf Andrenburg, um unsere Verwandtschaft. War es wirklich schon 54 Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten? Damals - ich stand mit meiner Mutter auf der Straße und sah ihnen nach, als man sie auf einen Pferdewagen zum Dorf hinausfuhr - wurden sie zur Verladestadion gebracht und von dort aus in die Verbannung geschickt. War es wirklich wahr, daß ein Wolf (ich vergleiche den Kommunismus immer mit einem Wolf), der sie in den Zähnen hatte, freiließ? War es Wirklichkeit, daß sie Sibirien überstanden hatten?

Es mußte wohl wahr sein, denn ich saß im Auto und fuhr nach Frankfurt. Eine Flutwelle der Empfindungen ging über mich hinweg, Tränen drängten sich in meine Augen. Meine Mutter sagte einmal, das war in unserer schrecklichsten Zeit; die ungeweinten Tränen tun am meisten weh. Ich zwang mich zu anderen Gedanken, das heißt, ich versuchte meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, es gelang mir nicht. Immer wieder tauchten Bilder aus längst vergangener Zeit vor mir auf.

Auf dem Flughafen angekommen, hatte ich Mühe mein rasendes Herz in den Griff zu bekommen. Es klopfte und hämmerte wie noch nie.

In der Empfangshalle standen viele meiner Landsleute, die alle zur Begrüßung ihrer Lieben von weit und breit gekommen waren. Russisch herrschte in der Halle vor. Ich, die schon seit 1945 in Deutschland lebe, mein Mann, er ein Schwabe, wir beide standen unter dem Gewirr von einem Gemisch aus verschiedenen Dialekten - und deutsch/russisch.

Willst du niemanden ansprechen? fragte mich mein Mann. Es sind deine Landsleute und du verstehst doch noch etwas russisch. Nein, ich wollte niemanden ansprechen, ich wollte mit meinen Gedanken zurückgehen in unser Andrenburg, in mein Heimatdorf in der Ukraine. Damals, es war 1941, kamen Funktionäre ins Dorf und bereiteten die Verbannung der Dorfbewohner vor. Sie würden uns jetzt dorthin bringen, wo wir von Rechts wegen schon lange hingehörten, sagte einer der Funktionäre. Uns war klar, daß er Sibirien meinte. Sibirien, alleine dieses Wort versetzte uns in Angst und Schrecken. Sibirien bedeutete Not, Elend, Kälte und Tod. Wir waren alle wie gelähmt. Keiner der Dörfler hat bei Ausbruch des Krieges an diese schreckliche und ungerechte Bestrafung der kommunistischen Machthaber gedacht. Warum auch, wir waren Sowjetbürger, und nach dem sowjetischen Gesetz sind alle gleich, das behaupten sie jedenfalls bei allen Versammlungen und so stand es auch in der russischen Verfassung. Jetzt, weil wir Deutsche waren, machten Stalins Schergen uns für diesen Krieg verantwortlich. Jetzt waren wir nicht mehr den Sowjetbürgern gleichgestellt, jetzt waren wir Verräter, Faschisten!

Mutter wollte bei der Kommandantur erreichen, daß wir nicht mitmußten, weil wir keine Kleidung hatten und weil Mutter sehr krank war. Leider brachte uns dieser Antrag nur einen Tag Aufschub ein. Wir mußten unsere wenige Habe zusammenpacken, und sie brachten uns nach Bolschoj Tokmak zur Verschickung. Leider oder Gott sei Dank nicht auf den gleichen Bahnhof wie meine Cousine! Sie wurden noch verladen, für uns auf dem Tokmaker Bahnhof hatte man keine Viehwaggons mehr. Buchstäblich in allerletzter Minute wurden wir auf dem Bahnhof von den deutschen Truppen eingenommen. Beim Rückzug des deutschen Militärs verließen wir 1943 die Ukraine und flohen nach Deutschland beziehungsweise in den Warthegau.

Wir hatten großes Glück, uns blieb Sibirien erspart. Natürlich hatten wir es nach Kriegsende in Deutschland auch nicht leicht, aber Deutschland hatte kein Sibirien, Deutschland hatte keinen Stalin. Daher war unser Leben in ganz anderen Bahnen verlaufen. Ich konnte eine Schneiderlehre machen, ich habe einen Einheimischen geheiratet, wir haben in Waiblingen ein Haus gebaut, und ich konnte meine zwei Kinder großziehen.

Die Maschine aus Taschkent hat etwa 30 Minuten Verspätung, tönte es aus dem Lautsprecher. Mein Mann machte mich darauf aufmerksam, als er gemerkt hatte, daß die Mitteilung an meinen Ohren vorbeigegangen war.

Unruhe kam bei den Wartenden auf, mich berührte es gar nicht, ich hatte an so vieles zu denken. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, wenn ich meine Cousine in die Arme schließe. Wie wir einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht über Zuhause reden würden. Ob sie sich noch daran erinnerte, als Großvater uns auf dem Dach erwischte? Wußte sie noch, daß Großmutter uns verhauen hatte, weil wir ihren Geißbock als Reitpferd benützt haben? Konnte sie sich noch an unsere Katze erinnern, sie hieß Flitze. Flitze, Flitze war besser als jeder Wachhund. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

Was gibt es da zu schmunzeln? fragte mein Mann. Ich dachte gerade daran, wie Großmutter uns mit einer feinen Rute verdroschen hat, weil wir ... .. ihren Ziegenbock geritten hatten! Wie kannst du jetzt an solch belanglose Dinge denken, das ist....

Ich weiß, daß du das nicht verstehst! Mit meiner Cousine kommt auch meine Kindheit aus Rußland. Sehnsucht hatte ich in all den vielen Jahren, Sehnsucht, mit jemandem über meine Kindheit, über unser Andrenburg zu sprechen. Du hast jedes Jahr ein Klassentreffen, und was haben wir Deutschen aus Rußland? Wir sind entwurzelt, wir stehen abseits. Du hast all deine Verwandten in Baden-Württemberg, ich habe niemanden. Wenn wir bei deinen Verwandten sind, sprecht ihr oft über eure Kindheit, über eure Streiche über eure Schulzeit. Ich sitze daneben und denke wehmütig an meine Kindheit, an meine Schulzeit... ich denke... sprechen kann ich mit niemandem darüber. Das ist es, was mir oft weh tut. Mein Mann drückte mir die Hand und sah mich liebevoll an, er hatte immer Verständnis für mich, er unterstützte mich auch in meiner ehrenamtlichen Arbeit bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland.

Meine Gedanken gingen wieder auf Abwegen. Zur Zeit werden die Aussiedler nur teilweise angenommen, sie erleben jetzt genau das gleiche, was ich vor 54 Jahren erleben mußte. Damals, Deutschland lag in Schutt und Asche und wir kamen aus Rußland. Aus dem Land, in dem viele Soldaten ihr Leben lassen mußten und Tausende in Kriegsgefangenschaft kamen. Ein fremdes Land, ein Land, vor dem die Einheimischen Angst hatten. Nicht zu unrecht, der Kommunismus strebte die Weltherrschaft an, das schaffte Angst unter der Bevölkerung. Wer den Kommunismus nicht am eigenen Leib verspürt hat, der kann nicht mitreden, das habe ich oft bei vielen Gelegenheiten gesagt, und zwar immer dann, wenn die Verbrechen der Kommunisten angezweifelt wurden. Das Stalin ein Menschenverächter war, das glaubte uns Rußlanddeutsche im Westen keiner. Warum auch, er gehörte doch zu den Siegern, und Sieger zählen zu den Gerechten.

Als die ersten Kriegsgefangenen 1947 heimkehrten, suchte ich Gespräche mit ihnen. Sie konnten mir jedoch nichts von meiner Heimat berichten, sie kamen aus den Kriegsgefangenenlagern in Sibirien. Hunger und bitterer Kälte mußten sie standhalten. Tausende und aber Tausende sind verhungert, wurden von Stalins Schergen zu Tode gequält. Davon konnten mir die Heimkehrer berichten, und daß sie auch Rußlanddeutsche in Sibirien getroffen hatten, aber von Andrenburg wußte keiner etwas.

Die Maschine aus Taschkent ist soeben gelandet, tönte es abermals aus dem Lautsprecher und holte mich in die Gegenwart zurück. Erneut breitete sich Unruhe unter den Wartenden aus. Auch mich packte ein seltsames Gefühl, es schüttelte mich ordentlich durch. Mein Mann sah mich besorgt an: Du wirst jetzt doch nicht schlapp machen? Ich griff nach seinem Arm und hielt mich krampfhaft fest. Ich werde es schon schaffen, gab ich leise Antwort. Er durfte nicht spüren, wie aufgeregt ich in Wirklichkeit war, denn er wollte nicht, daß ich mich diesem Streß aussetzte weil ich in letzter Zeit gesundheitlich angeschlagen war.

Die ersten Aussiedler kamen durch die Schwingtür aus milchigem Plastik. Forschend sah ich jede Frau an, ob es nicht meine Cousine war. Werde ich sie überhaupt erkennen? Ich hatte vor Jahren ein Foto von der ganzen Familie erhalten, da kam sie mir vor wie eine 70jährige. Ihr schweres Leben in der Verbannung hatte Spuren in ihr Gesicht gezeichnet.

Rings um mich fielen sich Menschen in die Arme, weinten und lachten zugleich. Dann, endlich, kam eine Frau, die meiner Cousine ähnelte. Ich ging an die Schwingtür und rief: Brigitte, du mußt Brigitte sein? Nun lagen wir uns in den Armen, weinen und lachen ging in einen Sack. Wer das nicht selbst erlebt hat, der kann sich überhaupt nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist - Gänsehaut am ganzen Körper. Das Glücksgefühl setzte sich durch. Wir sahen uns immer wieder, suchten nach alter Vertrautheit, sie kam aber nur auf leisen Sohlen. Die Zeit wird manches wiederbringen, wir müssen nur Geduld haben.

Wir konnten nur wenig miteinander sprechen, der Bus stand schon bereit, der die Aussiedler in ein Durchgangslager bringen sollte. Ich konnte gerade noch den Busfahrer fragen, wo er die Leute hinbringt, dann fuhr der Bus ab. Unsere Wege trennten sich erneut, warten, wir müssen warten. In der Hoffnung, daß es nicht allzu lange sein wird, fuhren mein Mann und ich von Frankfurt heim.

So kurz war mir diese Strecke noch nie vorgekommen, es gab so vieles, an was ich mich erinnerte und was ich unbedingt meine Cousine fragen wollten. Aber... ich mußte warten. Habe ich nicht mein ganzes Leben mit warten zugebracht? Nein, so durfte ich nicht denken. Ich habe einen wunderbaren Mann, der mich immer verstand, ich habe zwei Kinder, die mich innig lieben und ich habe vier herrliche, gesunde Enkel. Dann hatte ich noch meine Landsleute, für die ich seit 1956 ehrenamtlich tätig bin. Wenn ich zurückblicke, habe ich ein ausgefülltes, ein erfolgreiches Leben gehabt.

Ich wurde Schriftstellerin, habe zehn Bücher geschrieben, habe mehrere Preise dafür erhalten. Nein, unzufrieden durfte ich nicht sein, daß wäre von mir ungerecht, ja, es wäre eine Sünde. Aber das kleine Eckchen in meinem Herzen, dort, wo sich die Sehnsucht festgesetzt hat, das kleine Eckchen, das macht mir ab und zu Sorgen. Jetzt, wo meine Cousine da ist, hoffe ich, daß dieses keine Eckchen Ruhe gibt.

Wie oft habe ich mit offenen Augen geträumt, daß ich durch Andrenburg ging und vor jedem Haus stehen blieb. Da lebte Mamas Schwester Karoline, sie hat ein strenges Regiment geführt. Ihr war es einerlei, über wem sie den Kochlöffel schwang, sie drosch einfach drauf los. Es erwischte jeden: Kinder Neffen, Nichten, Nachbarskinder oder andere Dorfkinder. Alle, die auf ihrem Hof waren und etwas angestellt hatten, bekamen ihren Teil ab.

Ich bekam oft den berühmten Kochlöffel von Tante Karoline zu spüren. Heute mußte ich darüber lachen, als ich daran dachte... Damals war es nicht so, es tat verdammt weh, wenn der Kochlöffel niedersauste, und jeder versuchte, dem Knüppel aus dem Sack zu entkommen. Einmal: Tante Karoline kam mit dem Kochlöffel auf den Dachboden, wir Kinder hatten uns durch das Stroh gebuddelt und schleppten Schnee in die Höhle. Harry, ihr Sohn, durfte nicht mitspielen, weil er immer alles kaputt machte, er hatte für derartige Spiele kein Gefühl. Zudem war er ein Petzer und er hatte uns auch diesmal bei seiner Mama verpetzt. Sie kam wie ein Racheengel die Leiter herauf und einer nach dem anderen mußte an ihr vorbei. Der Kochlöffel sauste auf jedes Kind herunter, keines wagte zu schreien. Ich hielt mich bis zuletzt, ich wollte nicht an ihr vorbei. Am Giebel war ein Öffnung, wo die Leiter stand, ich hatte nur einen Gedanken, sie darf mich nicht erwischen. Komm nur, du bekommst die meiste Dresche, du bist die Anstifterin für diesen Unfug.

Ich entkam durch einen waghalsigen Sprung auf den Schweinestall, der mit Stroh gedenkt war. Ich war dem Drachen entkommen, wie ich insgeheim meine Tante bezeichnete. Das freut mich heute noch nach 54 Jahren, ich war dieses Mal Karolines Kochlöffel entkommen. Ich war die Heldin, aber Tante Karoline lebte nach dem Motto, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Einige Tage später, ich hatte völlig vergessen, daß bei meiner Tante ein Kochlöffel auf mich wartete, ging ich in deren Küche. Sie stand gerade am Herd und rührte im Borschtsch, nun, ich bekam meinen Teil und dazu noch einen ganzen Ring Waffeln, damit ich mich nicht bei meiner Mutter beklagte. Noch heute tut mir das Hinterteil schmerzen, wenn ich nur daran denke.

Gegenüber von Tante Karolines Haus steht das von Großvater; hier war ich glücklich, hier habe ich zuletzt gelebt. Das nächste Haus ist das vom alten Volz, er hatte die schönsten Äpfel im Garten, daneben kam die Schule. Hinter den zwei Fenstern war die Wohnung vom Lehrer Rüdiger. Rechts neben der Haustür das Lehrerzimmer und auf der andern Seite das Klassenzimmer. Der Schulhof mit seinem Brunnen, die Turnstange, an der ich oft meine Turnübungen gemacht habe. Alles war noch da, wenn auch nur in meinen Träumen. Gleich neben der Schule war das Haus, in dem meine Freundin Lydia Lefke gewohnt hatte. Wo war sie geblieben, ich weiß nichts von ihr. Zuletzt war ich mit Lydia zusammen im Landjahrlager in Steffenshofen/Warthegau. Ich sehe Lydia genau vor mir, etwas dick, lange blonde Zöpfe, und ewig hatte sie Hunger, aber, wer hatte in jener schrecklichen Zeit keinen Hunger? Zwei Häuser weiter war der kleine Gemischtwarenladen vom Friedrich Frickert. Ach ja, seine Tochter Lina war auch in meiner Klasse, sie war ein bescheidenes Mädchen, fiel nur mit guten Noten in der Schule auf, ansonsten war sie zu nichts zu gebrauchen. Beim Fangespiel war sie einfach zu langsam und beim Ballspielen konnte sie nicht fangen, weil sie kurzsichtig war. Dann kam das Haus, in dem meine allerbeste Freundin Adele Jung lebte. Ja, Adele war prima, sie konnte auf jeden Baum klettern und kein Pferd war ihr zu schnell. Wir beide galten als die wildesten Mädchen in Andrenburg.

Da gab es den Elias, nein, es war kein Heiliger, es war ein abgetakelter Wallach. Er sollte zu Seife verkocht werden, aber wir Kinder haben ihm das Leben gerettet. Alle Dorfkinder haben auf Elias das Reiten gelernt. Warum er Elias hieß? Nun, das war so: Es kam eine Kommission von der Kommandatur, um den Viehbestand der Kolchose zu zählen. Der Viehbestand war jedoch nicht vollzählig, ein Fohlen war gestorben und wurde der Behörde verschwiegen. So fuhr der Pferdepfleger Richard Lemke nach Tokmak und kaufe ein Pferd. Als er auf den Kolchoshof damit kam, sagte der zweite Pferdepfleger Friedrich Ebert: Das ist wie der Messias, er schützt uns vor der Verbannung. Aus Messias wurde Elias.

Adele war die Flucht 1943 mit Mutter und fünf Geschwister ebenfalls nach Westdeutschland gelungen. Mit ihr hatte ich schon seit Jahren Kontakt, leider wohnt sie sehr weit von mir entfernt.

Wenn ich schlafen gehe, überdenke ich meinen Tag: was habe ich gemacht, war ich mit dem Tag zufrieden. Das war eine Marotte von mir, ich dachte viele Jahre alles in russischer Sprache; ich wollte einst nach Rußland fahren und da durfte ich das Russische nicht verlernen. Russisch denken und russisch sprechen, daß sind zwei paar Stiefel. Aber ich habe doch so viel von der sehr melodisch wirkende Sprache behalten, daß ich mich heute noch so einigermaßen verständigen kann.

Zweimal war ich in Rußland, 1968 und 1976. Mein Russisch reichte aus, um ohne Dolmetscher auszukommen. Ich habe damals die Schwester meiner Mutter in Leningrad besucht.

Nun ist deren Tochter Brigitte gekommen und ich habe auch Verwandte in Deutschland. Brigitte kam in die neuen Bundesländer und wir waren erneut getrennt.

Ein Jahr später fuhren wir nach Luckenwalde in Thüringen, um Brigitte, Töchter und Enkel zu besuchen. Plötzlich hatte ich viele Verwandte, wurde in russischer Sprache Tante gerufen. Am meisten machte es meinem Mann Spaß. Djadja Walter, und das in russisch, nein, das war zu lustig.

Auch diesmal hatten wir nicht viel Zeit für uns. Brigittes Familie nahm uns voll in Anspruch. Ein Gespräch über unsere Vergangenheit, über unser Leben in Andrenburg kam nicht auf. Ein paar Mal kam das Weißt du noch, ja, dabei blieb es auch.

Große Sorgen bereiteten mir die drei Schwiegersöhne von Brigitte, sie waren alle Russen. Vier Töchter, und alle hatten einen Russen geheiratet. Drei kannte ich nun schon, und ich fand gleich ein herzliches Verhältnis zu ihnen. Sie waren so liebenswürdig, so voller Herzlichkeit, daß man sie einfach liebhaben mußte. Insgeheim hatte ich meiner Cousine bittere Vorwürfe gemacht. Vier Töchter und alle vier ins russische Nest gelegt, daß war insgeheim mein Vorwurf. Als mir dann Anatolja erzählt hat, wie er von seiner Familie verachtet wurde, weil er eine Deutsche geheiratet hat, habe ich meine Meinung geändert. Anatolja mußte in der Sowjetunion auf seinem Arbeitsplatz Kränkungen hinnehmen, er mußte sich anhören, daß er eine Faschistin geheiratet hatte. Ja, er mußte sich sogar von seiner Mutter sagen lassen, daß ihr die Faschistenbrut besser vom Hof bleiben solle. Er berichtete, daß er daraufhin seine Kinder nicht mehr zu seien Eltern ließ. Ich sah ihm an, daß es ihm weh tat und ich nahm mir vor, Anatolja nie meine anfängliche Voreingenommenheit spüren zu lassen.

Drei Jahre später kam Brigitte in den Stuttgarter Raum, wir waren nicht mehr getrennt. Brigitte überhäufte mich Fragen, wie es damals war, als wir nach Deutschland kamen. Sie wollten wissen, ob man uns auch als Russen bezeichnet hat und ob wir Arbeit bekommen hätten. Wie war es mit den Wohnungen usw.

Ja, wie war es damals? 12,5 Millionen Flüchtlingen überschwemmten die Zonen der westlichen Alliierten. Arbeit und Wohnungen waren fast nicht zu bekommen. Ich arbeitete zuerst bei einem Bauern als Magd, das war für mich nicht schwer, ich stammte ja aus einer Bauernfamilie. Mutter konnte nicht arbeiten, sie bekam auch keine Sozialunterstützung, das war damals ohne hin ein Fremdwort. Jeder mußte sehen, wie er zurecht kam. Wir Kinder unterstützten Mutter mit dem wenigen Lohn, den wir bekamen, sie selber machte Näharbeiten bei den Bauern. Dafür bekam sie Naturalien. Erst 1952 bekam sie 98 DM Sozialhilfe.

1946 fand ich in Schwäbisch Gmünd eine Lehrstelle als Fabriknäherin. Mein Lehrmeister Knödler gebrauchte meinen Namen, Nelly, nie. Er sagte nur: du Russin, du machst jetzt das, oder, du kehrst die Werkstatt aus. Ich mußte alle Drecksarbeiten machen, die die anderen Lehrlinge nicht machen wollten. Das störte mich jedoch nicht weiter, was mich so aufregte, war, daß er mich immer vor den anderen Lehrlingen gedemütigt hat. Ich hätte ihm so gerne eine in die Fresse gehauen, aber ein Lehrling tut das nicht, also mußte ich weiterhin schlucken. Ich nahm mir damals vor, eines Tages werde ich ein Buch zu schreiben. Ich würde es denen zeigen, damit meinte ich die Einheimischen. Ich würde es ihnen sagen, wer wir Rußlanddeutsche sind, und warum wir jetzt hierher als Bettler nach Deutschland kommen. Daß alleine der Kommunismus dafür verantwortlich ist. Wir wurden von den Kommunisten zu Bettlern gemacht, wir wurden unterdrückt, geknechtet, gedemütigt, beraubt und ausgebeutet. Außer dem Ärger mit meinem Meister hatte ich keine Probleme. Ich hatte mich in der Jugend eingegliedert, hatte Freundinnen, sie verstanden mich, denn ich sprach schwäbisch, den gleichen Dialekt, der auch unserem Heimatdorf Andrenburg gesprochen wurde.

Meine Vorfahren waren 1911 aus Friedrichsfels/Baden nach Südrußland ausgewandert. Ein Johann Eckstein ist damals ausgewandert und ein Johann Eckstein kam 1945 nach Deutschland zurück. Das alles wollte ich aufschreiben, ich wollte, ja, ich mußte ein Buch schreiben, in dem dies alles drin stand.

Jahre sollten vergehen, bis ich mein Buch Wölfe und Sonnenblumen vorlegen konnte. In dem Buch hatte ich das Leben meiner Familie geschildert mit allen Höhen und Tiefen.

Als meine 11/2-jährige Lehrzeit als Herrenschneiderin zu Ende ging, war mir das zu wenig. Ich wollte eine Gesellenprüfung machen und später vielleicht den Meister. Mit halben Sachen gab ich mich nicht ab. Nun, die Gesellenprüfung habe ich mit Erfolg absolviert, eine eigene Werkstatt habe ich nicht eröffnen zu können, ich habe geheiratet und habe zwei Kinder bekommen.

Als die Kinder in die Schule gingen, habe ich von Anfang an mit ihnen all ihre Hausaufgaben gemacht. Ich hatte keine Zeit um irgendwelche Schulungen der deutschen Sprache zu absolvieren, ich mußte alles selbst erlernen und meine Kinder halfen mir dabei. Sie waren dann auch meine erste Leser und natürlich auch die ersten Kritiker.

Die Zeit verging, ich wurde 38 Jahre und ich konnte nachts nicht mehr schlafen, die Gedanken an die Vergangenheit überfielen mich Nacht für Nacht. Meine Kindheit war so außergewöhnlich, ich habe alles erlebt. Hunger, Not, Elend.

In meinen schlaflosen Nächten ging ich zurück bis in das Jahr 1935. Was war in diesem Jahr geschehen, das mein ganzes Leben durcheinander brachte? Um der Verbannung zu entgehen, flohen meine Eltern mit uns drei Kindern in den Dombas. 1937 erwischten die Kommunisten meinen Vater doch. 54 Männer wurden in einer Nacht verhaftet und in den sicheren Tod geschickt, darunter auch mein armer Vater. Er kam vor ein Schnellgericht und wurde für 30 Jahre nach Sibirien verbannt. Ihm wurde vorgeworfen: ASWZ... Antisowjetische militärische Verschwörung. Ich kann es heute noch immer nicht verstehen, ein Bauer, ein kleiner Bauer und so ein großer Vorwurf. Wie hätte mein Vater zu einer militärischen Verschwörung kommen können? Es war klar, er war ein Deutscher und die Deutschen waren automatisch zu Verrätern abgestempelt worden.

Das war es, was mich quälte und mir die Nachtruhe raubte. Ich sprach mit Dr. Karl Stumpp darüber, und er gab mir den Rat, alles aufzuschreiben, erst dann würde ich endlich zur Ruhe kommen. So habe ich 1968 angefangen mit dem Schreiben und habe es inzwischen auf zehn Bücher gebracht.

Meiner Cousine geht es gut, ihre russischen Schwiegersöhne haben die Namen ihrer Frauen angenommen, alle haben Arbeit. Sie verdienen ihren Unterhalt und sie erfüllen den Generationenvertrag der Gesellschaft gegenüber.

Du sollst niemals dein Leid vergessen,

doch nicht im Leid gefesselt stehen.

Was dir vom Schicksal zugemessen,

dem mußt du fest entgegensehen.

Der Baum, der Zeig und Ast verloren,

blüht jedes Jahr mit neuer Wucht.

Du bist zum Leben auserkoren,

drum treibe Blüten, trage Frucht.

Aus dem Gedichtband Irgendwo in der Welt

von Clemens Conrad Rössler

 

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